Freitag, 29. Mai 2009

Vom Erzählen #1 - Neutralität der Wertung

Ich füge an der Stelle einfach mal eine neue Rubrik ein, die ein bisschen theoretischer ist und mich gleichzeitig mal wieder in die Gattung des Essays wirft.
Ich bin keine Autorität auf dem Gebiet, mein Wissen ist dünn und wird auch niemandem, der sich das wünscht, weiterhelfen. Ich möchte einfach hin und wieder mal ein paar Gedanken niederschreiben, um meinen eigenen Stil des Erzählens zu dokumentieren und zu verallgemeinern.
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Die Entwicklung der intellektuellen erzählenden Medien, sei es nun Literatur, Film oder Theater, hat vor allem mit dem Wandel des Menschenbildes zum Anbeginn des 20ten Jahrhunderts und hernach noch stärker durch politische Motivationen und einen neuen, gesellschaftsinduzierten Individuationswunsch einen grundsätzlichen Anspruch auf Objektivität, Distanz und eingängiger Deutbarkeit, d.h. Wertbarkeit durch den Rezipienten, geschaffen. Das bedeutet, dass man sich einerseits von der archaischen Form einer klassischen Figur oder einer klassischen Subjektivität, andererseits von der allgemeinen, bestimmten gesellschaftlich gefestigten Moralvorstellungen abwendet, das eine oder andere entweder abstrahiert, negiert oder vollkommen außer Acht lässt, um der Maxime einer objektiven Darstellungsform Raum zu schaffen.
Damit einher geht natürlich, dass - pauschal gesehen - dem "einfachen" Rezipienten, der grundsätzlich erzogen werden will, der Zugang erschwert wird, teils weil er sich im Stich gelassen vermutet, teils weil er die Rückkopplung des Anspruches an Einsicht in ein bestimmtes Thema (will meinen, dass ein anspruchsvolles Thema ebenso einen anspruchsvollen Geist voraussetzt, somit also vorwiegend Ansprüche des Künstlers an den Rezipienten laut werden) nicht verkraftet, teils weil er keine klaren Erzählstrukturen mehr erkennt, welche sich in ihrer Grundform durch einfaches Verständnis auszeichnen, was allerdings einen Wegfall jeder Neutalität bedeuten, um mit dem Rezipienten kommunizieren zu können.

1. Kunst ist vorwiegend Kommunikation
Zu diesem Schluss kommt man nach jeder semiotischen, kunstwissenschaftlichen oder linguistischen Betrachtung einwandfrei. Jede Form von Kunst versucht in erster Linie mit seinem Empfänger zu kommunizieren.
Die erzählenden Medien stellen dabei eine besondere Form dar, die der gehäuften Informationsübermittlung. Man erzählt erst dann eine Geschichte, wenn man sein gegenüber mit einer bestimmten Menge an Information versorgt, so sagt man beispielsweise "Dieses Bild erzählt regelrecht eine Geschichte", wenn man in jenem genannten Bild besonders viele semiotische Einheiten entdecken kann, beziehungsweise zu einer fantasiereichen Ausdeutung in der Lage ist und so gegebene Elemente weiterempfindet. In der Literatur bzw. in Theater Film kommen an diesen Stellen ebenfalls Bilder zum Tragen, einmal jene, die man vor einem inneren Auge schafft, und einmal jene, die man dem Zuschauer in bewegter Form bietet, jeweils mit dem Ziel, die Vielschichtigkeit der Informationen darin weiterzugeben.
Dabei verwirklicht sich der Anspruch auf Neutralität des Schaffenden, also der auf eine objektive, wertungsfreie Darstellung, entweder in der abstrahierten oder ausbleibenden Attributierung von Figur, Handeln und Milieu (ein Geschehen an sich, das unabhängig von einer handelnden Person steht, wird im Allgemeinen durch allgemeines Verständnis oder aber durch Protagonisten empfunden und ist deshalb nicht entscheidend, wenn es um neutrale Einschätzungen geht). Die Attributierung auszusparen heißt, sich vom Dogma des Einfühlenwollens befreien, das vorwiegend dafür verantwortlich ist, dass sich viele Werke als Belle Lettre verstehen und das geschriebene Wort oder das dargestellte Bild nur in Zusammensetzungen nach Qualität bewertet werden (etwa in Form vom Pathos gewisser Wortzusammenstellungen [Proust'sche Periode] oder Requisitierung/Technisierung [Spezialeffekte, HD-TV]). Die Abstraktion wiederum spaltet sich in mehrere Varianten, die expressivste davon ist die Negierung oder die offene Ablehnung von Attributsinhalten, sodass beispielsweise ein Schönheitsideal untergraben oder das Groteske der Hässlichkeit unterschlagen wird. Allerdings nimmt der Schaffende durch die Auswahl der Attributierungen, die entweder negiert, abgelehnt oder gegebenenfalls belassen werden, automatisch eine Wertung vor, die dem Rezipienten nicht zu verbergen ist, dennoch aber eine Neutralität der Parodisierung schaffen kann, die sich ebenso vom Pathos abwendet (vor allem Travestien).
Die Kommunikation mit dem Rezipienten geht in jedem Fall durch Affirmiertheit, Objektivität oder aber Abstraktion mit einer bestimmten Beziehung zur Wertbarkeit einer Situation einher, Bejahendes schlägt sich erziehend nieder, indem es idealbildiches Verhalten positiv darstellt, Abstraktes stellt den Empfänger automatisch vor eine moralische Entscheidung (ganz gleich ob diese nun aus eigenen Motiven heraus oder durch die Wertung des Künstlers geschieht), die oftmals als kalt und ungeschliffen empfundene Objektivität ruft lediglich den Wunsch nach einer Wertung hervor, der Rezipient ist entweder entschlossen, diese Wertung aus eigenen Vorstellungen heraus auf Grundlage der Informationen zu treffen, oder aber er lehnt das Erzählte ab, weil ihm der Zugang verwehrt bleibt (Zugang ist in diesem Fall die Nachvollziehbarkeit des Handelns, letztere wiederum ist ein affirmierendes Verhalten, das auf dem grundsätzlich positiven Selbstbild des Menschen beruht). Letztgenanntes geschieht entweder durch Informationsmangel, das Werk verlangt vom Rezipienten Wissen, dass er nicht in jedem Fall besitzt oder er wird mit einer unvertrauten Situation konfrontiert, über die in seinem Moralsystem noch keine Erfahrungswerte vorhanden sind, folglich das Verhalten gänzlich unverständlich und somit keine Wertung möglich wird.
Letztendlich ist es die Aufgabe dieser erzählenden Medien, die verschiedenen Aspekte zu vereinen, um zugleich Zugang als auch Wertungsfreiheit zu schaffen.

2. Subjektivismus als Schlüssel zu einer objektiven Betrachtung
Man muss also annehmen, dass diese als ungeschliffen und kalt empfundene Objektivität zwar Wertungsfreiheit schafft, gleichzeitig aber den Zugang zum Erzählten selbst fast automatisch verwehrt, damit das Urteil des Unbelebten herbeiführt, nicht Nachvollziehbares wird als nicht lebendig und nicht durchführbar empfunden, dadurch automatisch verneint und in der Folge eine nachteilige Entfremdung zwischen den Kommunikationspartnern geschaffen. Die Erwartung nach subjektiven, empfindsamen Eindrücken ist damit grundsätzlich eine, die jeder Kunstform zwangsläufig zu Teil und konsequent davon erfüllt werden muss.
Vor allem für die Erzählung bedeutet das die Untermalung von unumgänglichen Emotionen als Teil des Kommunikationsaktes. Auf diese Weise sollen die natürlichen Auswirkungen von Handlungen und Geschehnissen beleuchtet werden. Es bedeutet ebenso, dass diese Untermalung allumfassend geschehe, sich also nicht auf einzelne Figuren oder Handlungsmuster bezieht (was zwangsläufig Schwarz-Weiß-Malerei darstellte), sondern die Auswirkungen in ihrer Vollständigkeit bezeichne. In dieser Form werden die Begriffe Täter und Opfer oder Wohltat und hilfebedürftig entwertet, Charakterisierung geschieht durch Motive und eine nicht vom Künstler, sondern von der natürlichen Wahrnehmungsgabe des Rezipienten induzierte, subjektive Einschätzung.

3. Das Fehlen von Konsens als Mittel der Abstraktion
Ein wichtiger Punkt für die objektive Darstellung von Vorgängen unter dem Anspruch von Wertungsfreiheit ist regelgerechte die Darstellung zweier Parteien. Es bleibt jedoch der Vorbehalt von subjektiven Werten erhalten, Einschätzungen dürfen die Gleichberechtigung beider Meinungen zwar nicht außerkraft setzen, wohl aber müssen sie zum Verständnis und zur Nachvollziehbarkeit beider gleichermaßen verhelfen, emotionale Nähe zu beiden in ein und der selben Form schaffen.
Ein entscheidendes Mittel dazu sind Themen, über die es keinen allgemein anerkannten, pauschalen Konsens gibt, die dadurch verstören und den Rezipienten zwangsläufig auffordern, nach eigenen Moralvorstellungen zu einer Wertung zu kommen, wobei vor allem Allusionen auf persönliche Erfahrungen, also wieder subjektive Empfindungen, dieser Entscheidungsfindung auf die Sprünge helfen können. Auf Grundlage dieser Motivationen, die keiner gesellschaftlich anerkannten Moralvorstellung folgen können - weil eben jene nicht existiert -, schafft der Künstler bei Rezipienten das Verständnis, dass ein Mensch keinem Idealbild, sondern nur einem Individualbild gehorchen kann, sich also durch die Individuation einer moralfreien Entscheidung von der Schuld lösen kann. Auf diese Weise verfolgt der Schaffende das zeitgenössische Menschenbild, formt es nach seinen Vorstellungen und nutzt es als Kommunikationselement, frei von jeder Wertung, aber dennoch in sich verständlich, nachvollziehbar, weil es auf einer Augenhöhe mit dem Rezipienten steht, der nicht vollkommen, aber Individuum zu sein gezwungen wird.

4. Der Charakter als Projektionsfläche frei von Identifikationselementen
Am Anfang jedes erzählenden Werkes stellt der Rezipient die Forderung, sich mit dem oder den Protagonisten identifizieren zu können. Dieses Verhalten schlussfolgert aus dem allgemeinen Wertstreben in einer Gesellschaft, das das Individuum in eine Gruppe von anderen Individuen mit Gemeinsamkeiten zu ordnen versucht, damit grundsätzlich nicht schlecht, vielmehr für eine Gesellschaft unentbehrlich, aber wenig progressiv ist. Auch hier spielen Zugang und Nachvollziehbarkeit eine große Rolle, der Rezipient verlangt entweder, mit der Figur Erfahrungen oder Gefühle zu teilen, oder sucht in ihm bestimmte, oberflächliche Eigenschaften (derer tiefgründigere werden grundsätzlich von Erfahrungen und Gefühlswelten bestimmt), allgemein gesagt muss ein Minimum an Gemeinsamkeiten bestehen, das über das Menschsein und das Geschlecht hinausgeht, ethnologisch, religiös, gesellschaftlich oder gefühlstechnisch identische Zugehörigkeiten reichen meist aus, auch Rollenbilder oder -funktionen sind grundlegende Identifikationselemente.
Diesem Wertstreben soll höhere Kunst entgegen wirken (es soll dabei nicht abgestritten werden, dass Identifikationsfiguren weder Anhaltspunkt noch Erkennungsmerkmal für schlechte oder wenig progressive Kunst sind) und zwar mit dem Einordnen der Figur in ein liberales, individuationsbetontes Gefüge, wie unser politisches System es verspricht. Allerdings ist dieser Anspruch keineswegs von politischer Form, vielmehr ist es eine Verallgemeinerung der humanitären Vorstellungen, die alle Menschen gleich zeihen. Nur auf diese Weise wird es möglich, dass der Empfänger sein Denken und seine Verhaltensmuster auf eine Figur projezieren kann, die keine tiefgreifenden Anhaltspunkte für eine Identifikation gibt, außer eine absolute Identität zwischen Protagonist und Rezipient auf humanitärem Niveau. Es wird dadurch keinerlei Idealbild erzeugt, sondern eine tabula rasa geschaffen, die für ihren Teil eine Projektionsfläche für jede subjektive Wertung ist, beziehungsweise - in der übergeordneten Funktion - keine direkte Wertung zulässt, sondern lediglich Informationen zu einem Sachverhalt vermittelt, das wiederum auf einer emotionalen Ebene, was die Stichhaltigkeit und Ausdruckskraft der Information selbst extrem verstärkt und somit einen sehr hohen Wahrheitsgehalt zu schaffen in der Lage ist, der bei der Wertungsfindung von unschätzbarem Nutzen ist.

5. Neutralität der Wertung an einem Beispiel
Abschiedslied (Arbeitstitel: Grauzone) von Markus Beck kann in jedem Punkt sehr gut als Beispiel herhalten.
Problematisiert wird einerseits die Sterbehilfe an einer Komapatientin, ein Thema ohne allgemeinen Konsens, das auf sehr emotionale Weise dargestellt, während es ebenso psychoanalytisch betrachtet und abstrahiert wird (das Gefangensein der Mutter in ihrer starren, unveränderbaren Welt im Kontrast zu ihrem beinahe zwanghaften [repetativen] Willen, sich gegen diese Unveränderlichkeit zur Wehr zu setzen). Auf der anderen Seite geht es um das Loslassen an sich, das liebevolle Verabschieden der Tochter von der Mutter und der nahezu versöhnliche Verschwinden der Mutter im Dunkel.
In jedem Fall wird deutlich, dass keine Wertung der Situation angestrebt wird, dass es vielmehr um das Absolute des Trauerempfindens geht. Die Neutralität besteht in der liebevollen Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die nach rationalen Argumenten nicht zu werten ist, in der Darstellung des Zustandes der Mutter, der weder wissenschaftlich noch psychographisch dargestellt wird, sondern allein auf einer Tatsache, wie sie ihren Zustand befindet (und selbst dieses wie bleibt der Wertung durch den Zuschauer offen, ihr Gemüt schlägt zwischen starkem Glück und tiefer Verzweiflung hin und her) und nichts gibt einen Anhaltspunkt, inwieweit der Tod auf einer generellen Basis legitim oder unmenschlich wäre, ihre Welt, die sie so verzweifelt kontrollieren will, bricht im Chaos zusammen, doch vereint sie sich im selben Moment im Glück mit ihrer Tochter, die liebevolle Relation zwischen beiden ist das einzige Maß an Attributierung (welches für seinen Teil sehr universell ist*). Auch werden Stilmittel, wie etwa die monochrome Welt des Schwarzweißfilmes, das Herrichten des Kaffeetisches, die Eigensinnigkeit der mentalen Umwelt der Mutter, das überlaufende Wasser und räumliche Trennung ebenso frei von einer Wertungsintention verwendet - lediglich das Zuschlagen der Tür und die erlichende Glühbirne bzw. die Tochter als Kind und die schlussendliche Umarmung sind klar in entweder Glück oder Verzweiflung, also in eine positive oder eine negative Gefühlserfahrung einzuordnen, damit kommen sie jenem subjektiven Empfinden der Objektivität als kalt und unbelebt bei, die Polarität von Gefühlen zu gleichen Anteilen balanciert sich aus, zeiht währenddessen den Menschen an sich lebendig (man gehe davon aus, dass das Gefühlsextrem ein Lebensbeweis per se ist).
Letztenendes entsteht also keinerlei Wertung, weder eine des Todes, noch eine davon, wie lebenswert die Existenz der Mutter ist, noch eine der Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Es ist ein - im wahrsten Sinne des Wortes - stummes Drama, das mit so wenig wie möglich Information so viel Absolutes wie möglich zu fassen versucht. Die Besonderheit hier ist die offene Entscheidung, ob überhaupt eine Wertung notwendig ist.


*Fazit:
Die erzählende Kunst behält sich Neutralität dadurch vor, dass sie universelle Werte in den Vordergrund rückt, um andere entwerten zu können. Solche universellen Werte sind beispielsweise Liebe, Emotionen, Impulse, der Grad an Empfindbarkeit einer jeden Sache, Logik (sowohl innerhalb einer rationalen Welt, als auch innerhalb einer irrationalen Welt), Metaphysisches im engeren Sinne, gewissen Bereiche zwischenmenschlicher Kommunikation (beispielsweise die Unüberwindbarkeit der Grenzen der Individualität). Die Freiheit von den restlichen Werten ist ein unverzichtbares Mittel, so gilt es beispielsweise bekannte oder gesellschaftlich fixierte Wertevorstellungen vollständig zu hinterfragen und als Schaffender selbst die Grenzen der Individualität so weit wie möglich zu überwinden und zu verallgemeinern, das alles unter der Abwägung subjektiver und objektiver Eindrücke, die in "der gewissen Mischung" - für die sich schwerlich eine generelle Formel finden ließe - vermittelt werden müssen. Es heißt, sich von einem Idealbild freizumachen und dem Rezipienten soviele Entscheidungsfreiräume wie möglich einzuräumen. Dabei kommt es einerseits darauf an, dass er Zugang zum Erzählten selbst findet - im besten Fall durch Projektion der eigenen Ideen auf die Figuren der Erzählung (Identifikation schafft automatisch eine Form von Idealbild, das sich nur sehr schwer und in den seltensten Fällen balancieren lässt) -, andererseits darauf, dass er diesen Zugang auf dem kleinmöglichen Nenner mit dem Erzählten findet, also nach humanitären Standpunkten auf einer Stufe damit steht.
Das letztendliche Ziel oder auch das zwangsläufig angestrebte Produkt ist ein zweigliedriges Werk, das man einmal auf einer empfänglichen Ebene erfahren kann (das bloße, absolute Erzählte an sich als Geschichte in sich aufnehmen), ein andermal auf einer kritischen Ebene (das Erzählte zu deuten, zu Werten, oder aus dem Erzählten eine persönliche Maxime zu entwickeln).

Montag, 18. Mai 2009

All die Farben #1

Mutter war schon lange tot, als ich die Farben das erste Mal sah. Es war Mai und ich hörte mir gerade eine ihrer alten Schallplatten an, als mir die Flecken an der Wand auffielen. Sie waren einfach da, von einem Augenblick auf den anderen, ohne Vorwarnung, ohne jeglichen Grund. Im stummgeschalteten Fernsehen lief ein Werbespot für Knäckebrot, mit glücklichen, Knäckebrot essenden Menschen, grinsend, manisch. Ich habe nie begriffen, warum die Leute in der Werbung immer so schmerzhaft glücklich sein müssen. Trügerisch, nicht genau zu definieren, und Khakitöne, die sich leicht unterscheiden ließen. Die Farben waren schön, einfach da.
Bevor Mutter starb, habe ich mein Leben lang darüber nachgedacht, was der Tod bedeutet, was Verlieren heißt, was Waisesein für ein Gefühl ist. Wenn ich jetzt im Nachhinein darüber nachdenke, hat mir das vermutlich geholfen, die Farben so zu sehen, wie sie sind: Klar und rein, vielleicht ein bisschen glasig, fasrig; wie Licht, das zwischen den zusammengekniffenen Augenlidern verschwimmt. Niemand hat die Farben vor mir gesehen, zumindest rede ich mir das gern ein. Aber was macht das schon; in meinem Kopf ist es die Wahrheit.
Ich hatte mich gerade zum Frühstücken gesetzt, verglich die Farbe der Marmelade mit dem sanftesten Pink an der Wand, als das Telefon klingelte. Noch ohne einen Bissen gegessen zu haben, stand ich auf und nahm ab. Stumme Nachricht. Ich setzte mich wieder hin und biss in mein Brötchen. Leise, das Knacken der hauchdünnen Kruste, das Bröseln auf den Teller und mein Kauen untermalend, hatte ich ein Fiepen im Ohr, das mich an Bluttransfusionen und Beatmungsbeutel erinnerte. Um mich herum klinische Stille. Die Farben reglos, schön.
Ich ging in die Küche, wusch mein Geschirr, verbrannte mir die Hand auf der Herdplatte, um mich an meine Fehler zu erinnern, und legte mich dann auf mein Bett und starrte die Decke an. Die Decke anstarren, das hatte ich als Kind häufig gemacht, wenn ich krank war und mittags draußen die Sonne nicht schien. Wenn sie schien, dann bin ich aufgestanden und habe meine Füße auf die Flecken gesetzt, die sie auf den Teppichboden malte, stundenlang, still, ausgeglichen. Die Farben erinnerten mich jedes Mal ein wenig mehr daran, lange hatte ich diese Zeit vergessen; bis Mutter starb. Ich zählte die Holzfasern unter der Tapete, abstrakte Muster, Wellen, als könne ich meine Hände darin versenken. Meine Arme waren zu kurz.

...

Als Mutter starb, lief im Fernsehen eine Dokumentation in englischer Sprache. Connie Perris from Bermingham paces up and down the corridor slightly in order to not get shaky. Ich hatte Mitleid mit Connie, während ich im Flur auf und ab lief, um vielleicht die Zukunft zu kreuzen.

...

Dienstag, 12. Mai 2009

מי נהר - Die Wasser eines Flusses

Idan Raichel Project - "Mey nahar"

מי נהר זורמים
הבט
אלו הם ימי חייך
הם מימי חייך
נשטפים בזרם
שמתחיל עם גשם ראשון

מי נהר זורמים
הבט
אלו הם פלגי המים
שיגיעו אל מדבר גווע
עם השקט שיבוא

גם אם אשתה את כל הים
הוא לא ירווה את צימאוני
לעוד יום קרוב אליך
לעוד יום בזרועותיך

גם אם אשב מתחת שמש
לא ישרפו אותי קרניה
כמו לבי נשרף בלהבות אהבתך




Mey nahar zormim
Habet
Alu hem imey chayecha
Hem meymey chayecha
Nishtafim bezerem
Shematchil im gesham rishon

Mey nahar zormim
Habet
Alu hem palgey hamayim
Sheyagyu el midbar gove'a
Im hasheket sheyavo

Gam im ashetah at kol hayam
Hu lo irveh at tzimoni
Le'od yom karov aleycha
Le'od yom bezrotecha

Gam im ashev metacht shemesh
Lo isrofu uti korneyah
K'mo libi nisraf velahvot ahavatcha




Die Wasser eines Flusses fließen dahin
Schau
Dies sind die Tage des Lebens
Sie sind das Wasser des Lebens
Davongerissen vom Strom
Der mit dem ersten Regen beginnt

Die Wasser eines Flusses fließen hinfort
Schau
Dies ist der Bach des Lebens
Der zur Wüste austrocknen
Und Stille bringen wird

Tränke ich all das Wasser
Nicht gestillt wäre mein Durst
Nach einem weiteren Tag in deiner Nähe
Nach einem weiteren Tag in deinen Armen

Säße ich in der Sonne
Ihre Strahlen verbrannten mich nicht so
Wie mein Herz im Feuer deiner Liebe